Religion

Lehrende


Lehrende der Religionsfachschaft

Gottesdienst


Die Materialien, die wir im vergangenen Juli für unseren Schuljahresschluss - Gottesdienst verwendet haben, können Sie über die folgenden Reiter aufrufen:

SCHULJAHRESSCHLUSS - GOTTESDIENST

"ÜBER EURE LIPPEN KOMME KEIN BÖSES WORT"

 

Lieder einsingen

 

Schüler-Dialog: Über die Folgen unbedachten Sprechens

J.Blaser / C. Dombek

Begrüßung und Erklärung des Themas

K. Laub

Tagesgebet: Eine zerrissene Welt ist unser Platz (J.Zink)

M. Hellebrand

Lied: Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr

 

Lesung: Dtn 30,17-20

K. Laub

Ansprache („Wähle das Leben“ Interpretation)

J. Rupp

Meditative Musik

K. Weihing

Lesung: Epheser 4,25-32 (EÜ)

A. Avventi

Fürbitten (mit starkem Bezug zur NT-Stelle)

A. Dreher / D. Örüm

Lied: Bewahre uns Gott

 

Vater Unser

K. Laub

Schlußsegen (Priestersegen 4.Mose 6,24ff)

Der HERR segne euch und behüte euch.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der HERR hebe sein Angesicht über euch und gebe euch Frieden.

J. Rupp

Lied: Möge die Straße uns zusammenführen  

 

Weitere Liedvorschläge:

  • Komm Herr segne uns
  • Herr wir bitten komm und segne uns
  • Kanon: Ausgang und Eingang
  • Herr gib uns deinen Frieden

Schüler-Dialog:

Über die (möglichen) Folgen unbedachten (?) Sprechens

 

An der Bushaltestelle (?):

S1:

zeigt auf sein Handy; Bild wird per Beamer angeworfen: „Hast du das mitbekommen?“

S2:

Was denn? Hat die Frau Geburtstag? Sieht glücklich aus und die ganzen Blumen...

S1:

Schau mal genau hin.

S2:

Oh da liegen auch Karten dabei. Hmm, auf den zweiten Blick sieht das eher aus wie wenn jemand sehr berühmtes wie z.B. ein Popstar gestorben ist und alle möglichen Leute Blumen usw. ablegen.

S1:

Genau. Das ist die britische Politikerin, die von irgend so nem Verrückten ermordet wurde.

S2:

Gibt einfach zu viele Verrückte auf dieser Welt...

S1:

Ja schon, aber der Mord soll etwas mit dem Wahlkampf in Großbritannien um den Brexit zu tun gehabt haben. Cox war eine, die sich für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union ausgesprochen hat. Der Mörder war wohl ein Gegner…

S2:

Aber wie kommt jemand darauf eine Politikerin einfach umzubringen?

S1:

Das ist die richtige Frage. Ich habe gehört, dass der Wahlkampf eine richtige Schlammschlacht gewesen sein soll. Dass man sich nicht nur gestritten hat sondern regelrecht mit Worten „Krieg“ geführt hat.

S2:

Du meins also, dass der Mord eine Folge von Worten war?

S1:

Genau. Viele Leute haben einfach nicht genau nachgedacht, was und wie sie etwas gesagt haben. Dass die Politik nicht unbeteiligt war, wird finde ich daran deutlich, dass die beiden Streit-Parteien ihren Wahlkampf nach dem Mord erstmal für unbestimmte Zeit ausgesetzt haben. → Für mich ein klares Schuldeingeständnis.

S2:

Hmm. Echt krass. Dass Worte so ne Wirkung haben können... Vielleicht sollten auch wir besser zweimal überlegen, welche Wörter wir benutzen.

S1:

Ja. Wer weiß schon, wie andere uns verstehen/was andere daraus machen.


Barmherziger Gott,

eine zerrissene Welt ist unser Platz.

Wir nehmen ihn an.

Deine verwandelnde Kraft wird unsere Kraft sein,

Dein Erbarmen unser Reichtum.

Sende Deinen Heiligen Geist und verwandle uns. Amen.

Deuteronomium 30,17-20

17 Wenn du aber dein Herz abwendest und nicht hörst, wenn du dich verführen lässt, dich vor anderen Göttern niederwirfst und ihnen dienst - 18 heute erkläre ich euch: Dann werdet ihr ausgetilgt werden; ihr werdet nicht lange in dem Land leben, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst, um hineinzuziehen und es in Besitz zu nehmen. 19 Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. 20 Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der Herr hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.


Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen,


wir haben gerade einen Abschnitt aus der Tora, der Weisung des Judentums gehört, die auch Teil unserer heiligen Schrift ist. Es geht da ziemlich heftig zu. Der Autor des Textes warnt die Leser. Von „ausgetilgt werden“ ist die Rede, was wir durchaus als vollständige Vernichtung verstehen können. Aber was macht ihn so wütend? Von „anderen Göttern“ schreibt er, von Verführbarkeit und deren Folgen. Der Leser wird vor die Wahl gestellt: Leben oder Tod – Segen oder Fluch? Und natürlich geht es wie so oft in der Bibel um das Land, das Gott den Vätern versprochen hat, darum dort in Frieden leben zu dürfen - und darum, dass sie das alles vergessen können wenn sie leeren Versprechungen glauben schenken und den falschen Leuten – damals den anderen Göttern – hinterherlaufen.


Was hat das aber mit mir zu tun? Alles oder Nichts! Nichts, wenn es mir schwer fällt über mein Verhalten nachzudenken. Wenn ich vielleicht dazu neige Mitschüler zu beschimpfen und kein schlechtes Gewissen mich ausbremst. Wenn ich einer Mitschülerin helfen sollte und es nicht schaffe. Oder mich einfach so richtig daneben benehme, weil ich mich langweile, frustriert bin oder … jede und jeder von uns kann diesen Satz sicher weiter führen.
Oder es bedeutet Alles: Alles, weil mein Verhalten den Unterschied macht. Anstatt einen Graben aufzureißen, kann ich über meinen Schatten springen, Hilfe anbieten, den kleinen Macho oder die Zicke verabschieden und zuhören, Brücken bauen, mich einfach nicht so wahnsinnig wichtig nehmen.


Im Tagesgebet war davon die Rede, dass wir in einer zerrissenen Welt leben. Der Dialog am Anfang hat uns an den Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox erinnert – begangen aus Hass auf Ausländer. Nicht weil sie eine Ausländerin war, sondern nur weil sie sich für Menschlichkeit eingesetzt hat musste sie sterben. In den vergangenen Tagen wurden wir hier in Deutschland von mehreren Hass-Verbrechen aufgeschreckt. Es scheint als sei er allgegenwärtig. Und schlimmer: wir scheinen ihm mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein.


Wirklich hilflos? „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben!“ Was das konkret heißt erfahren wir nachher in der Lesung aus dem Epheserbrief, dem wir unser heutiges Thema entnommen haben. Die Kurzfassung: Es gibt ein Mittel um den Hass zu überwinden: Liebe! „Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und dem, der es hört, Nutzen bringt.“

Epheser 4,25-32

25 Legt deshalb die Lüge ab und redet untereinander die Wahrheit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden. 26 Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen. 27 Gebt dem Teufel keinen Raum! 28 Der Dieb soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und sich mit seinen Händen etwas verdienen, damit er den Notleidenden davon geben kann. 29 Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und dem, der es hört, Nutzen bringt. 30 Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung. 31 Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte! 32 Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.

Barmherziger Gott,
lehre uns den Mut zur Wahrheit, damit die Lüge nicht unsere Beziehungen zerstört.

Barmherziger Gott,
schenke uns die Bereitschaft zur Versöhnung, damit Zorn und Wut uns nicht den Schlaf rauben.

Barmherziger Gott,
lehre uns die richtigen Worte zu finden um für uns selbst und andere ein Segen zu sein.

Barmherziger Gott,
schenke uns den Geist der Güte und des Mitgefühls um Brücken zu bauen und Mauern zu überwinden.


Curriculumtag „Judentum“



Impressionen aus dem Unterricht



Texte zum Nachdenken

DIE ZEIT N° 21 / 2016 - Interview

Wie nah sind sich Protestanten und Katholiken, Pfarrer Schorlemmer?

»Ich würde den Papst einladen«
Wie nah sind sich Protestanten und Katholiken wirklich? Fragen an den evangelischen Pfarrer Friedrich Schorlemmer – der Franziskus als seinen Bischof akzeptiert

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN EVELYN FINGER UND STEFAN SCHIRMER

 

DIE ZEIT: Herr Schorlemmer, wann haben Sie sich zuletzt über die Katholiken so richtig geärgert?

Friedrich Schorlemmer: Als ein Priester das Gesicht verzog, weil ich ihm sagte: Jetzt haben wir alle einen Papst! Da merkte ich: Wir sind keine Freunde.

ZEIT: Inwiefern?

Schorlemmer: Es gibt Katholiken, die nur darauf warten, dass dieser Papst Franziskus bald wieder weg ist. Ich aber hoffe, dass er noch lange bleibt und uns seine Spontaneität, seine Lebensfreude und Barmherzigkeit vorlebt. Er geht dorthin, wo es stinkt. Er tadelt die Leute nicht, sondern wäscht ihnen die Füße: keinen vorgewaschenen Statisten, sondern echten Obdachlosen. Wenn der Mann auf dem Stuhl Petri so etwas macht, kann ich mich über Rom überhaupt nicht mehr ärgern. Da freue ich mich, dass ein wirklicher Christ unsere Welt-Kirche repräsentiert.

ZEIT: Sehen die Protestanten in Ihrem Umfeld das auch so?

Schorlemmer: Manche tadeln mich, ich sei Papst-besoffen. Ich sage: Nein, ich bin Papst-begeistert! Die zwölf Jünger Jesu, die zu Pfingsten zusammenkamen, wurden ja auch für besoffen gehalten, aber sie waren nur vom Heiligen Geist erfüllt. Ich habe lange auf einen Kirchenführer wie diesen argentinischen Kardinal aus den Slums gewartet.

ZEIT: Kennen Sie einen vergleichbaren Protestanten?

Schorlemmer: Die Fröhlichkeit und der Tiefgang, mit denen unser Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm sein Amt ausübt, gefallen mir. Der Papst ist noch beherzter. Er sagt freiheraus, dass Katholiken sich nicht vermehren müssen wie die Karnickel. Da schreien alle auf: So etwas darf ein Papst nicht sagen! Doch. Er verkörpert nicht nur ein Amt, er ist auch ein Mensch, also fehlbar. Wir Christen müssen begreifen, dass wir die Wahrheit nicht mit Löffeln gefressen haben. Auch wir suchen nur den Weg zur Wahrheit.

ZEIT: Martin Luther konnte deftig urteilen. Zweifelte er auch mal an sich?

Schorlemmer: Ja, aber nicht nur an sich, sondern an seiner ganzen Kirche! Mit seinen 95 Thesen wollte er die Wahrheit ergründen und nahm die Aufklärung vorweg, indem er uns zeigte: Die Wahrheit gibt es heute im Plural! Wer nur auf seine eigene pocht, den müssen wir fürchten.

ZEIT: Warum sind evangelische Christen nicht erpicht auf einen Papstbesuch in Deutschland?

Schorlemmer: Sie fürchten, dass er uns die Schau stiehlt. Dass die katholische Kirche so tut, als sei sie die einzig wahre. Da wir kein anderes Evangelium, sondern das Evangelium nur anders verkünden, habe ich keine Angst, die Katholiken könnten uns erdrücken.

ZEIT: Sind die Protestanten Abtrünnige, die in die Una Sancta zurückkehren sollten?

Schorlemmer: Nein, wir müssen nicht zurück, sondern gemeinsam voran. Nebenbei sollten wir auch mal dankbar sein für einen Waldspaziergang im Mai, nicht nur um ein neues Waldgesetz kämpfen. Denn die Welt ist schrecklich und schön. Sorge, Fürsorge und Dankbarkeit gehören zusammen.

ZEIT: Sie haben gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel Unsere Erde ist zu retten, darin loben Sie ein ganzes Kapitel lang Franziskus für seine grüne Enzyklika. Warum?

Schorlemmer: Er drückt das Politische und das Spirituelle unverkitscht aus, das gefällt mir. Zu dem eingangs erwähnten Priester habe ich gesagt: Wenn ich Sie wäre, würde ich nur noch alle vierzehn Tage eine Predigt halten und dazwischen aus den Büchern von Franziskus vorlesen. Er sieht uns als Gäste auf dieser Erde und lehrt uns nicht nur Rücksichtnahme, sondern die eigene Endlichkeit zu bejahen.

ZEIT: Was stört Sie am Priesteramt?

Der Pflichtzölibat. Es nötigt Männer, in einer Scheinwirklichkeit zu leben, wo selbst die Sehnsucht nach Zärtlichkeit tabuisiert wird. Ein freiwilliger Zölibat wäre okay.

ZEIT: Ist der Zölibat für Sie ein Argument gegen die vollständige Ökumene?

Schorlemmer: Nein. Es wird ja niemand gezwungen, Priester zu werden. Die Weihe hat bei den Katholiken einen unanfechtbaren Charakter. Franziskus schafft es trotzdem, sein Amt ohne Hochmut auszuüben. Deshalb respektiere ich den Papst als meinen "Bischof von Rom". Er ist ein guter Hirte. Die Anrede "Eure Heiligkeit" kriege ich aber nicht über die Lippen, es sei denn, er würde mich als "Eure Heiligkeit, Pfarrer Schorlemmer" anreden. (lacht) Lieber nicht!

ZEIT: Und wie würden Sie ihn bei einem persönlichen Treffen nennen?

Schorlemmer: Am liebsten Bruder Franziskus – falls er das akzeptiert.

ZEIT: Wie antiautoritär ist Ihre eigene Kirche heute?

Schorlemmer: Vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich bei uns der Autoritarismus breitgemacht. Und später setzte sich das fort, weil viele Offiziere Theologie studierten. Das Autoritäre ist in unserer protestantischen Tradition drin. Der Erste, der das mit aller Konsequenz gesehen hat, war Friedrich Nietzsche, der Pfarrerssohn aus Röcken. Schon Luther stellte sich Gott wie einen Vater vor, der alles sieht, beobachtet, bewertet – und dir Demut abverlangt. Dietrich Bonhoeffer hat dann den inneren Zusammenhang zwischen Freiheit und Gehorsam betont. Daraus entwickelte er seine spezielle Auffassung von der Gewissensfreiheit, und die hat mir sehr geholfen, als ich mich 1962 entschied, den Wehrdienst zu verweigern. Ich konnte einfach keinen bedingungslosen Gehorsam leisten. Was ich sagen will: Wir Christen beider Konfessionen haben einander nichts vorzuwerfen, sondern uns gegenseitig etwas zu erzählen und zu vergeben. Franziskus sagte zu den Protestanten in Rom: "Wir müssen einander um Verzeihung bitten für den Skandal der Spaltung." Das sind doch Sätze!

ZEIT: Sie loben den Papst für das Neue, was er sagt und tut. In der Ökumene wird er aber auch für das kritisiert, was er nicht tut: So will er anscheinend keine Frauenordination.

Schorlemmer: Oh, bitte keine Bedingungsökumene! Mit dem gleichen Recht könnten die Katholiken dann eine Abschaffung der Frauenordination von uns fordern. Wir eine Bedingung, sie eine Bedingung: So kommen wir nicht weiter. Wir sind alle getauft, das reicht fürs gemeinsame Abendmahl.

ZEIT: Welche Vorbehalte Luthers gegen Rom teilen Sie auch heute?

Schorlemmer: Die Priesterherrschaft über die Laien missfällt mir. Aber es reicht nicht, wenn man als Protestant vom Priestertum aller Gläubigen schwärmt und hinterher in der Synode kuscht. Auch wir brauchen aggiornamento, Erneuerung! Wir müssen "heutig" werden.

ZEIT: Franziskus hat sich mehrfach bei den Protestanten entschuldigt. Wofür müssten die sich entschuldigen?

Schorlemmer: Ich bin gegen einen Entschuldigungskult, aber wir müssen gemeinsam die Auswüchse der Intoleranz bekennen und benennen. Es gab Verbrechen bei der Weltmission. In Südamerika wurde mordend christianisiert und eben nicht sehnsüchtig auf Christus gewartet. Wir sollten uns fragen, wo wir die Botschaft sonst noch verdunkelt haben, etwa durch unsere Unterwerfungsbereitschaft. "Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde": Damit haben wir das Abschlachten für Gott, Kaiser und Vaterland gerechtfertigt. Aktuell stört mich die Vereinnahmung des Begriffs Abendland durch Populisten.

ZEIT: Erleben Sie im Alltag Konfessionsfeindlichkeit?

Schorlemmer: Überhaupt nicht. In Ostdeutschland ist eher das Problem, unter den vielen Nichtchristen Christen zu finden.

ZEIT: Kennen Sie jemanden, der persönlich unter der Trennung der Kirchen leidet?

Schorlemmer: Mich. (lacht) In Zeiten religiöser Versteppung müssen wir unsere Kräfte zusammentun und zeigen: Hier sind wir!

ZEIT: Zur Wendezeit gelang das den ostdeutschen Kirchen mühelos, sie wurden zum Hort der Friedlichen Revolution.

Schorlemmer: Wir wussten: Wenn wir jetzt nicht Frieden stiften, wird alles noch viel schlimmer. Die Massen kamen in die Kirchen, weil sie das Gefühl hatten, dass die Pfarrer glaubwürdig und diese Orte unantastbar sind.

ZEIT: Damals waren Sie als Bürgerrechtler aktiv, auch in der Ökumene. Soll die EKD nun den Papst nach Wittenberg einladen?

Schorlemmer: Wenn es noch nicht zu spät ist, ja. Ich möchte die Spaltung überwinden, aber nicht durch Jubilieren, sondern durch Umkehr. Ich würde den Papst einladen. Wir könnten mit ihm zusammen das große Gebet der Einheit aus dem Johannesevangelium sprechen. Das muss nicht unbedingt Wittenberg sein, es geht auch auf der Wartburg.

ZEIT: Warum haben alle solche Angst, dass der Papst in die Lutherstadt kommt, an den Ursprungsort der Reformation?

Schorlemmer: Weil wir ganz schmale Straßen haben! Das wirkt sich manchmal auf das Denken aus. Franziskus selber würde sicher kein Brimborium machen. Ich würde ihn nicht in der wilheminischen Schlosskirche, sondern lieber in Luthers Predigtkirche begrüßen. Dort sieht man auf dem berühmten Cranach-Altar eine Darstellung des Abendmahls am runden Tisch.

ZEIT: Welches Gastgeschenk würden Sie ihm überreichen?

Schorlemmer: Am besten eine Vertonung des Sonnengesangs des heiligen Franz von Assisi. Für mich ist dieser Papst ja selber ein Heiliger – aber menschennah. Dann sollten zwei Ansprachen gehalten werden; eine vom Papst und eine vom Ratsvorsitzenden der EKD. Danach gehen die beiden zum Altar und sprechen mit allen zusammen das Vaterunser.

ZEIT: Was ist heute evangelisch? Was katholisch? Und was christlich?

Schorlemmer: Evangelisch ist, die Wahrheit in der Heiligen Schrift zu suchen. Katholisch ist, die Wahrheit in Rom zu verteidigen. Christlich ist der Mut, die eigene Lage als Chance zu sehen: "Weck die tote Christenheit / aus dem Schlaf der Sicherheit. / Gib den Boten Kraft und Mut, / Glaubenshoffnung, Liebesglut." Das spielte 1989 eine große Rolle, dieser Aufruf an uns selbst, uns nicht mehr in falschen Sicherheiten zu wiegen.

ZEIT: Muss die Kirche der Reformation noch weiter reformiert werden?

Schorlemmer: Unbedingt! Uns scheinen unsere Kirchenstrukturen mittlerweile wichtiger als unser Auftrag. Und weil wir die Strukturen nicht mehr bezahlen können, werden wir auch dem Auftrag nicht mehr gerecht. Das muss sich ändern. Ich finde, dass unsere Kirche viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

ZEIT: Worum beneiden Sie die Katholiken?

Schorlemmer: Dass sie die sinnlichen Dinge des Lebens ohne Gewissensbisse genießen. (lacht) Und dass sie der ganzen Christenheit so einen tollen Papst beschert haben. Armer Luther, dass du schon 1546 gestorben bist!

ZEIT: Wie könnte die Einheit der Christen praktisch aussehen?

Schorlemmer: Sie müsste genau wie die deutsche Vereinigung keine Wiedervereinigung, sondern eine Neuvereinigung werden. Wir können nicht einfach vereinen, was vor 500 Jahren getrennt wurde. Praktisch stelle ich mir vor, dass viele evangelische Pfarrer, denen der schwarze Talar zu trist ist, nun guten Gewissens schöne Kleider anziehen können!

ZEIT: Warum klingt der Begriff Ökumene für viele Christen so sterbenslangweilig?

Schorlemmer: Es gibt in der Kirche unendlich viele Kreise, die nur für sich selber da sind. Ökumene ist mittlerweile zur Bürokratie erstarrt. In der DDR war sie lebendiger. Manchmal schickt uns Gott eben eine Notlage, um uns Gemeinschaft zu schenken.

ZEIT: Hand aufs Herz: Zu welchen Kompromissen wären Sie als Protestant bereit, wenn es um die Einheit der Kirche geht?

Schorlemmer: Die katholische Kirche muss auf ihren Alleinvertretungsanspruch, extra ecclesiam romana nulla salus, verzichten. Sie muss dem Grundsatz abschwören, dass außerhalb dieser Kirche kein Heil ist. Der neue Papst als Person erkennt uns schon an. Aber was ist beim nächsten Papst? Akzeptieren ist mehr als Tolerieren. Akzeptieren heißt ganz und gar anerkennen, ohne Vorbehalte. Was ich bei den katholischen Geschwistern nicht akzeptiere, ist, wenn sie mich nicht akzeptieren.

ZEIT: Hat Franziskus das Zeug zu einem Luther?

Schorlemmer: Er hat das Charisma. Er ist nicht wie die kirchlichen Kontrahenten, die sich immer mehr gleichen. Manchmal diktiert uns nämlich der Gegner, um nicht zu sagen der Teufel, sein übles Verhalten, und wir ahmen ihn nach, ohne es zu merken. Wer mit Vorurteilen belegt wird, neigt dazu, aus Wut auch so zu werden. Man darf sich dem Gesetz des Gegners nicht unterwerfen. Denn das ist christlich: den Fremden zuerst als Mitmenschen begegnen. Die Feinde lieben.

ZEIT: Fällt Ihnen das Letztere schwer?

Schorlemmer: Bei meinen eigenen Feinden? Natürlich!

Quelle: DIE ZEIT N° 21 / 2016 - Interview - Wie nah sind sich Protestanten und Katholiken, Pfarrer Schorlemmer? 12.05.16, 19:34

Hauptmenü