Bio-Exkursion – Amerika nach dem Eis – Die ersten Menschen in Amerika

Nein, der Mensch – der homo sapiens – wie wir ihn heute kennen, ist nicht in Amerika entstanden, tatsächlich ist er noch nicht immer dort gewesen. Man vermutet den Ursprung des Homo sapiens im Homo erectus (Aufrechtgeher), der vor etwa einer Million Jahren in Afrika lebte. Dass die ersten Siedler Amerikas Einwanderer waren und mit welchen Tieren und Pflanzen sie zusammenlebten, durften die Schüler des Bio2-Leistungskurses der K2 am 24. Januar 2018 in der Ausstellung „Amerika nach dem Eis“ im Naturkundemuseum Karlsruhe erfahren.

In drei Autos machten wir uns vormittags auf den kurzen und schmerzfreien Weg zum Karlsruher Museum für Naturkunde, wobei sich die Vorfreude schon in ausgelassenen Diskussionen zur Abizeitung zeigte (Wer ist der größte Schwänzer der Stufe? Zukünftige Nobelpreisträger??). Neben spektakulären und interessanten Nachbildungen frühzeitlicher Dino-Vögel, stand für uns vor allem die Sonderausstellung im Mittelpunkt. Ein kurzes Gruppenbild vor dem Skelett eines Riesen-Wollmammuts und los ging die Erkundung der Megafauna (extrem große Tierarten) Amerikas, menschlicher Wanderungswege über die Bering-Landbrücke und deren Besiedlung des nord- und südamerikanischen Kontinents im und nach dem Eiszeitalter.

Die Megafauna Amerikas war tatsächlich überwältigend: Riesenwölfe & -bären, Säbelzahnkatzen und auch Riesenfaultiere bevölkerten große Gebiete Nord- und Südamerikas, wobei die lebensgroßen Rekonstruktionen derselben die Ausstellung nicht nur facetten- und abwechslungsreich machten, sondern auch bei dem einen oder anderem Erinnerungen an eine gewisse Disney-Filmreihe namens Ice-Age hervorriefen (besonders für Ole war das Riesenfaultier faszinierend, das sich sowohl aufgrund seiner Größe gut verteidigen konnte, als auch einer lethargischen Lebensweise frönte; ja, Ole sah eine Vielzahl von direkten Verbindungen zu seinem eigenen Alltag). Auch Gürteltiere in der Dimension eines VW-Käfers bewanderten in der Eiszeit das amerikanische Land.

Genau wie in Ice-Age wurde detailliert der Rückgang des Eises durch die Erderwärmung dargestellt, ein Problem für die eine oder andere Tierart. Es gab aber tatsächlich ein viel größeres Problem für die Fauna: der Mensch. Zu einer Zeit, in der Sibirien und Alaska noch über die Bering-Landbrücke aus Eis verbunden waren, fand vermutlich eine Wanderung einer Population des Homo sapiens (des modernen Menschen) von Ostasien nach Amerika statt. Verschiedene Speerspitzen (Clovis- und Folsomspitzen), die zusammen mit Knochenresten der Tiere aus dieser Zeit gefunden wurden, machten es möglich die Anwesenheit und das Verhalten der Menschen aufzuzeigen. Besonders spannend war hier die ausführliche Ausstellung verschiedener Speer- und Pfeilspitzen, deren Entwicklung – von einfacher Anspitzung bis hin zu eingearbeiteten Widerhaken – gut erkennbar wurde.

Die Datierung der Pfeilspitzen war allerdings keinesfalls ein eindeutiges Indiz für die Ankunft der ersten Siedler. Einige Entdeckungen, besonders die in einer Höhle in Monte Verde in Chile, zeigten Forschern, dass schon viel früher Menschen nach Amerika gekommen sind. Die Ausstellung beschäftigte sich jedoch nicht nur mit den ersten Siedlern, sondern auch die „letzten“ Indianervölker wurden thematisiert. Abzüge seltener Fotodokumente zeigten die Ureinwohner Feuerlands (eine der südlichsten Inseln Südamerikas) und deren Lebensweise. Interessanterweise war es der junge Charles Darwin, der die indigenen Völker Feuerlands nach einer Forschungsreise als die „verächtlichsten und elendsten Geschöpfe, die [er] jemals getroffen [habe]“ bezeichnete. Die Wildheit, von der Darwin spricht, konnten wir zwar nicht direkt erkennen, dennoch gaben die Fotoaufnahmen den Urvölkern erstmals ein Gesicht.

Besonders in Erinnerung blieb uns die Rekonstruktion der Frau von Las Palmas, die wir in der Mitte der Ausstellung antreffen durften. Das Skelett dieser aus der Zeit nach dem Eis stammenden Frau wurde in der Nähe Las Palmas in einer Höhle gefunden mitsamt Anzeichen eines Begräbnisritus – spannend waren die Anzeichen für die Todesursache, die am Schädel gefunden wurden: Erdrosselungsspuren. Die Frage, ob diese Frau damals schon vor dem Begräbnis oder erst in der Höhle erdrosselt wurde, bleibt ungeklärt und zeigt somit auch die Realität, mit der man beim Erforschen urzeitlicher Funde konfrontiert wird. Jan brachte seine Faszination darüber deutlich zum Ausdruck: „Es ist einfach besonders, wenn man solche Speerspitzen vor sich sieht und einem bewusst wird, dass vor 10 000 Jahren einmal jemand diese Spitze geschliffen, in der Hand gehalten und sich gedacht hat: So jetzt geh‘ ich damit mein Abendessen jagen“. Direkten Bezug zu unserem aktuell im Unterricht durchgenommenen Thema Evolution fanden wir auch bei den Erklärungen verschiedener Datierungsmethoden, wie beispielsweise der relativen Datierung anhand von Stalaktiten (der Frau von Las Palmas wuchs ein Stalagmit durch die Augenhöhle des Schädels) oder der absoluten Datierung über die Radiocarbon- und Kalium-Argon-Methode.

Man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass wir eine erfolgreiche, spannende und durchaus interessante Exkursion unternommen haben, bei der wir nicht nur mit Fakten zugeschüttet wurden, sondern bei der uns vor allem imposante Bär- und Wolfsskelette, realitätsnahe Rekonstruktionen und Bilder urzeitlicher Tiere und Menschen, Speerspitzen und verblüffende Hintergrundgeschichten die Wirklichkeit der damaligen Welt und auch der Menschheitsgeschichte näherbrachte. Angeregt von diesem Naturwissenschaftsflash gestaltete sich die Rückfahrt unter anderem durch eine sehr differenzierte philosophische Diskussion: Wer war zuerst da: Ei oder Huhn?

Bio-Exkursion

Text: Konstanin Gasenzer

Foto: Jitka Sünderhauf

von Marco Gäbel am 06.02.2018 um 20:14