Antrittsbrief der Schulleitung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Schülerinnen und Schüler,

liebe Eltern,

vor 30 Jahren sprach Hans-Dietrich Genscher, der damalige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, in der deutschen Botschaft in Prag den berühmten Halbsatz, der tausenden Flüchtlingen die Ausreise ermöglichte: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist.“. In Leipzig wurde dieser Weg in die Freiheit durch die damaligen Montagsdemonstrationen geebnet. Am 9.November 1989 fiel die deutsche Mauer, ein Jahr später wurde dann die deutsche Wiedervereinigung vollzogen.

Ich war damals 18 Jahre alt, hatte im Frühsommer mein Abitur bestanden und im September mein Lehramtsstudium für Musik und Deutsch an der Universität Leipzig aufgenommen. Wohin mich mein Weg in die Freiheit führen würde, wusste ich damals noch nicht – aber eines war sicher, es würde mein eigener, selbstbestimmter Weg sein.

Heute nun – 30 Jahre später habe ich als neue Schulleiterin des Helmholtz-Gymnasiums Heidelberg erst kürzlich den Sextaner-Brunch erlebt. Die gute und offene Atmosphäre, das Strahlen in den Augen unserer Jüngsten, das große Engagement von Eltern, Kolleginnen und Kollegen sowie älteren Schülerinnen und Schülern waren wohltuend nach den ersten herausfordernden Schulwochen.

Ein brasilianisches Sprichwort sagt: „Alles, was war, wird der Anfang von dem, was sein wird.“  Ich beginne mit diesem Schuljahr meine Tätigkeit als Schulleiterin, fünf Jahre zuvor habe ich am Helmholtz-Gymnasium die Stelle der Stellvertretenden Schulleiterin angetreten. Nach meinem Referendariat in Heilbronn war ich fast 18 Jahre am Bunsen-Gymnasium Heidelberg tätig. Daneben hatte ich viele Jahre für die Hochschule für Musik und Kunst in Mannheim wie für das Seminar Heidelberg Ausbildungstätigkeiten übernommen.

Damals wie heute nach 30 Jahren braucht es Mut, um für eigene Positionen einzustehen; es braucht die Verantwortung für das eigene Leben und Tun; die großen Herausforderungen unserer Zeit benötigen das gegenseitige Zuhören und Suchen nach geeigneten Lösungen.

In unserer Schulgemeinschaft erleben wir täglich eine große Vielfalt: Eine große Zahl von Menschen – die sich engagieren, ihre Selbstwirksamkeit spüren – Bereitschaft zeigen, für andere Verantwortung zu übernehmen – den anderen aufgrund seiner Meinung, seiner Herkunft, seines Aussehens, seiner Interessen, seiner Stärken wie Schwächen nicht ausgrenzen. Jeder Tag bietet die Möglichkeit, für andere einzustehen, denn es gibt auch bei uns Menschen, die von anderen klein gemacht werden. Es braucht den täglichen Mut, der uns aktiv werden lässt.

Unsere Zeit, in der wir heute leben, ist nach wie vor von Ängsten und Sorgen geprägt. In unserer täglichen Arbeit sind wir stets gefordert, Kompromisse zu finden, die unsere Gemeinschaft darstellen. Dabei spielen die Anerkennung unterschiedlicher Lebenserfahrungen eine ebenso große Rolle wie das Wahrgenommenwerden, das Angenommenwerden, das Zuhören, das Lernen aus unseren Erfahrungen. Auch wenn die Digitalisierung mittlerweile sehr große Bereiche unseres Lebens erfasst hat, sollten wir nicht vergessen, uns als Menschen zu begegnen, Offenheit zu leben, unsere Gemeinschaft zu stärken, aber auch immer gern durch lebendig geführte Gespräche wie kontroverse Diskussionen zu bereichern.

Natürlich werden das in die Jahre gekommene Schulgebäude, die Digitalisierung, ein Sicherheitskonzept, Nachhaltigkeit und die Forderungen an die Bildungspolitik wichtige Themen sein. Dennoch ist mir eines viel wichtiger: eine gesunde Schulgemeinschaft, ein Miteinander, ein täglich getragenes Bewusstsein, in Freiheit leben zu dürfen. Auf dieser Grundlage von gemeinsamen Werten werden wir allen zukünftigen Herausforderungen gemeinsam begegnen können. Auf diesen Weg möchte ich Sie und Euch einladen.

Ihre und Eure                                                                       

Verena Mechelk

Heidelberg im Oktober 2019

 

 

 

von l.jech am 14.10.2019 um 20:34